Dies war die Einleitung unserer Sprecherin Petra Spona zur Veranstaltung „Framing in der Verkehrsunfallberichterstattung durch Polizei und Medien“ am 05.03.2026 im Alten Amtsgericht.
Guten Abend zusammen mein Name ist Petra Spona und ich bin Sprecherin der Initiative pro Fahrrad, die sich seit 2019 für die Verbesserung der Radverkehrssituation in Lübbecke einsetzt.
Immer mal wieder, wenn wir auf unseren Treffen zusammensitzen, sind Unfallberichte aus der Zeitung Thema unserer Gespräche. Dabei ärgern wir uns oftmals darüber, wie über den Vorfall berichtet wird. Je länger wir uns mit dem Thema beschäftigt haben, desto mehr wurde aber ein grundsätzliches Problem deutlich, das uns mittlerweile viel wichtiger ist: Diese Berichte sind leider aktive Beiträge dazu, die Verkehrswende zu verhindern. Das mag Ihnen momentan noch etwas weit hergeholt erscheinen, wird aber im Laufe des Abends deutlicher werden.
Jan Nordhoff, unser Hauptreferent, ist nicht der Einzige, der eine Untersuchung zur Verkehrsunfallberichterstattung durchgeführt hat, wobei Studien für Deutschland noch rar sind. Letztes Jahr ist eine Studie u.a. von Dirk von Schneidemesser erschienen, die zu dem Ergebnis kam, dass die Darstellung in der Unfallberichterstattung dazu verleite, die Schuld eher bei den ungeschützteren Verkehrsteilnehmer*innen zu sehen und den Fokus auf sie zu lenken. Das Verhalten der Pkw- und LKW-Fahrenden dagegen werde oft entschuldigend dargestellt. Dann ist z.B. mitfühlend die Rede von „schlechten Sichtverhältnissen“, nicht aber von der an diese schlechten Sichtverhältnisse nicht angepassten Fahrweise.
Aktuelles Beispiel vom 5. bzw. 6.3.2026:
Schneidemesser, der Autor der Studie, ist in seiner Sprache recht klar: „Wir leben heute mit einem Massaker, das sich aus Einzelfällen summiert“ fasst er die Lage auf den Straßen zusammen. Er spricht von „Verkehrsgewalt“, um auszudrücken, dass Verkehr durch seine Geschwindigkeiten, Energien und Gewichte ein Gewaltpotential enthält. Dieses Gewaltpotential hat lt. Statistischem Bundesamt im Jahr 2025 genau 2.814 Menschen das Leben gekostet und damit noch 2% mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Verletzten blieb 2025 im Vergleich zum Vorjahr mit 366.000 in etwa gleich, wobei immerhin die Zahl der Schwerverletzten um 4% auf 48.400 zurückging.
Im Jahr 2024 ist an der Uni Wien die Masterarbeit von Luis Nacken zur Unfallberichterstattung erschienen. Er stellt u.a. heraus, dass a) die Berichterstattung in den Lokalzeitungen in ganz Deutschland erstaunlich homogen ist und dass b) Verkehrskollisionen nicht unter der Perspektive der Öffentlichen Gesundheitsvorsorge betrachtet werden.
Uns geht es also darum, diese Verkehrsgewalt zu minimieren. Und es gäbe durchaus viele Maßnahmen, die dabei helfen würden, von Infrastrukturmaßnahmen wie der baulichen Trennung der Flächen für Rad- und Autoverkehr oder sicheren Kreuzungen über Tempolimits oder kleinere Autos bis hin zu weniger Nachsicht bei der Ahndung von rücksichtslosem und Poser-Benehmen im Straßenverkehr. Eine Maßnahme ist aber auch, die Verkehrsberichterstattung zu verändern, denn sie bestätigt immer wieder die fehlgeleitete Interpretation, dass sich Kollisionen nicht vermeiden ließen. Sie werden unter dem Titel „Unfall“ als schicksalhaftes Geschehnis, das einem nunmal widerfährt, eingeordnet.
Die Sprache spielt eine wesentliche Rolle dabei, welches Urteil wir über Kollisionen fällen, worin die Ursache des Unfalls liegt, und was wir dagegen tun können bzw. ob wir etwas zur Vermeidung tun können. Erst wenn wir als Gesellschaft das begreifen und unsere Einstellung gegenüber der täglichen Verkehrsgewalt ändern, werden wir auch konkrete Maßnahmen angehen können. Genau deshalb machen wir diese Veranstaltung.
Unseres Erachtens trägt die Art der Berichterstattung neben der traditionell autozentrierten Kultur in Deutschland mit dazu bei, dass den Todes- und Verletztenzahlen im Verkehrssektor kaum Beachtung geschenkt wird. Sie werden einfach als gegeben hingenommen. Und das ist u.E. inakzeptabel.
Wir werden gleich Herrn Nordhoff, den Leiter der Führungsstelle Direktion Verkehr der Bielefelder Polizei hören, der seine Studie vorstellen wird. Daran schließt sich ein weiterer kürzerer Informationsblock an. Herr Bensch, Pressesprecher der Kreispolizei im Mühlenkreis, wird skizzieren, wie es eigentlich von der Kollision auf der Straße zu einer Presseinformation der Polizei kommt. Anschließend werden Frau Niemeyer, die Leiterin des Lübbecker Büros des Westfalen-Blattes, und Herr Hartmann, der Leiter des Lübbecker Büros der Neuen Westfälischen erläutern, wie Kollisionsberichte in die Tagespresse kommen. Darauf folgt dann die gemeinsame Diskussion, an der alle Referent*innen teilnehmen. Außerdem kommt noch Kea Eichler, die Leiterin der Direktion Verkehr der Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke dazu. In diesem Teil haben Sie als Publikum dann auch die Möglichkeit, sich einzubringen.
Bevor ich nun das Wort an Herrn Nordhoff übergebe, möchte ich einen letzten Hinweis loswerden: Wir wissen, dass das Thema Unfallberichterstattung bei vielen Menschen mit sowohl körperlichen als auch seelischen Verletzungen verbunden ist. Und diese Verletzungen dürfen auch in der Diskussion zum Ausdruck kommen. Wir möchten aber hier heute eine Diskussion haben, die nicht von Vorwürfen und Schuldzuschreibungen geprägt ist. Wir möchten gemeinsam Methoden und Wege diskutieren, die Berichterstattung nachhaltig zu verbessern. Das kann nur geschehen, wenn wir offen sind und das bedeutet, dass hier ein geschützter Raum sein soll, indem Vorwürfe keinen Platz haben.
Ich möchte mich vor allem bei Herrn Bensch, Frau Niemeyer und Herrn Hartmann bedanken, dass sie hier zur Verfügung stehen. Denn naturgemäß ist diese Veranstaltung und sind die Studien ja durchaus eine Kritik nicht an Ihnen direkt, aber an dem, was Menschen in ihren Funktionen praktizieren. Ich verweise nochmal auf die eingangs erwähnte Studie, die innerhalb der deutschen Lokalzeitungen keine nennenswerten Unterschiede ausgemacht hat. Wir betrachten heute also kein lokales oder regionales Phänomen, aber wir können auf lokaler und regionaler Ebene etwas daran ändern.
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